zurück „Gut Holz“

Gefunden in: Capital 01/2011
Autor: Simon Schäfer

Rohstoffmangel. Um Abfälle aus deutschen Wäldern ist ein bizarrer Streit entbrannt. Pressplattenhersteller balgen sich mit Biomassekraftwerken um Schnitzel und Späne. Die Preise sind explodiert. Droht nach der Tortillakrise nun die Billy-Blase?

Auf dem Boden Wildschweinfelle, an der Wand ein Hirschgeweih – sein Büro auf Schloss Berleburg verleiht Johannes Röhl eine Aura der Macht. Im Auftrag der Fürstenfamilie Sayn-Wittgenstein-Berleburg verwaltet er den fünftgrößten deutschen Privatwaldbesitz: mehr als 13000 Hektar. Den Großteil der Jahresernte von 90 000 Festmetern verkauft er an Sägewerke, die daraus Bretter, Balken und Dielen schneiden. Zehn Prozent bleiben als minderwertiges Industrieholz übrig. Früher lieferte Röhl das an die Spanplattenindustrie. Doch die geht leer aus, seit in der Nähe ein Pelletwerk eröffnet hat und Röhl als Lieferanten gewann. Seine früheren Kunden seien darüber sehr unglücklich, erzählt der Verwalter: Gesagt hätten die nichts. Wozu auch? Röhl sitzt am längeren Hebel.

Die Angst geht um in Deutschland, dass das Holz bald nicht mehr für alle reicht. Obwohl die Bundesrepublik die größten Vorräte in Europa besitzt, wird der Rohstoff knapp 2020 werden hierzulande jährlich 10 Millionen Kubikmeter fehlen, warnen die Uno-Organisation FAO und das Deutsche Biomasseforschungszentrum. Hauptgrund ist der explodierende Bedarf an Biobrennstoff. 40 Prozent der jährlichen Holzernte werden bereits heute in Heizkesseln verfeuert. Die Folge: Der Preis für sogenannte Waldhackschnitzel ist in den vergangenen fünf Jahren um knapp 70 Prozent gestiegen. Schon werden Vergleiche gezogen zur Tortillakrise. Zehntausende gingen vor vier Jahren in Mexiko auf die Straße, weil die Preise für Maismehl wegen Amerikas Nachfrage nach Biotreibstoff sprunghaft angestiegen waren.

Der Hunger nach Holz in Deutschland ist gewaltig. 2008 landeten mehr als 25 Millionen Festmeter in deutschen Öfen. Fast ebenso hoch ist der Bedarf der Biomassekraftwerke, deren Zahl rasant zunimmt: Allein 2009 gingen 40 neue Anlagen zur Stromerzeugung ans Netz. Das Wachstum wird befeuert vom Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Es garantiert den Kraftwerksbetreibern einen festen Vergütungssatz für ihren Strom, der deutlich über dem Marktpreis liegt. Die Mehrkosten hierfür werden auf alle Stromkunden umgelegt. Insgesamt flossen so 2009 zusätzlich 3,7 Mrd. Euro an die Biomassekraftwerke. Das nützt der Ökobilanz der Bundesregierung, verzerrt jedoch zugleich den Markt – zum Ärger von Leuten wie Peter Sauerwein. Der Forstwirt ist Geschäftsführer des Verbands der Holzwerkstoffindustrie (\rHI), die Spanplatten, Sperrholz und Innentüren herstellt. Holz wird knapper werden als Öl, warnt er. Sein Verband, der in Deutschland 25 Werke mit 1000 Beschäftigten vertritt, hat deshalb eine Kampagne gestartet. Bevor Holz verbrannt wird, solle es zunächst als Werkstoff verarbeitet werden. Sauerweins Botschaft: Kauft Billy-Regale statt Pellets. „Das ist ökonomisch und ökologisch vernünftiger.“

Der VHI hat die Bundestagsabgeordneten angeschrieben, um für seine Belange zu werben. Es gab einen europaweiten Protesttag, Fabriken stellten zeitweise die Produktion ein. Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) übergab der Verband eine Resolution, in der er forderte, die Anschubfinanzierung für Pelletheizungen abzuschaffen. Überdies dürfe für Brennholz nicht länger der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent gelten, Biomassekraftwerke, die Waldholz verfeuern, sollten nicht weiter durch das EEG gefördert werden.

Die Energielobby ficht der Protest nicht an. ,,Panikmache“ nennt Martin Bentele, Geschäftsführer des Deutschen Energieholz-und Pellet-Verbands (DEPV), die Aktion. Politisch werde der Vorstoß ein ,,Rohrkrepierer“.
Doch der Leidensdruck der Rivalen wächst: Im Oktober musste Deutschlands größter Holzwerkstoffhersteller Pfleiderer sein Werk in Gschwend dichtmachen. Über die Schließung weiterer Standorte in Thüringen und Hessen wird verhandelt. Der Grund seien neben Überkapazitäten die hohen Holzpreise, sagt Westeuropa-Chef Michael Wolff. ,,Wir konnten die gestiegenen Rohstoffkosten nicht ausreichend durch Preiserhöhungen ausgleichen.“
Der Kampf ums Holz wird sich in den kommenden Jahren noch verschärfen. Die EU will den Anteil erneuerbarer Quellen an der Energieversorgung bis 2020 auf 20 Prozent hochschrauben. Auch die schwarz-gelbe Koalition hat angekündigt, die Bioenergie weiter auszubauen – bei der Stromversorgung etwa soll der Anteil von derzeit 16 Prozent auf 30 Prozent steigen.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) steht vor einem Zielkonflikt. 2011 muss er turnusgemäß die Fördersätze für erneuerbare Energien anpassen. Die Vermeidung der Nutzungskonkurrenz werde ,,ein wichtiger Aspekt“ bei der EEG-Novelle sein, heißt es im Ministerium.

Entschieden sei aber noch nichts. Bis dahin will Verbandschef Sauerwein die Bürger mobilisieren. ,,In der Bevölkerung muss ankommen: Wenn ich ein Holzprodukt kaufe, tue ich etwas Besseres für die Umwelt, als wenn ich Holz aus dem Wald verbrenne.“ Bei Aktionstagen mit der IG Metall will er sich in den kommenden Wochen auf Marktplätze stellen, in Volkshochschulen und Rathäuser gehen. Immerhin, so Sauerwein, stünden 300000 Arbeitsplätze auf dem Spiel, wenn die Spanplattenindustrie aus Deutschland abwandere.